Weihnachtsausstellung ab 22.12.17 im FEZ

 

Von Morgen ab wird gespart - Kinderspielzeug der 20er Jahre

Der Verein Historisches Spielzeug Berlin e.V. freut sich in diesem Jahr, erneut im FEZ Berlin Kinderspielzeug aus alten Zeiten zu zeigen.
Unter dem Titel "Von Morgen ab wird gespart", einem Motto, das wir auf einem Wandbild in einem Puppenhaus der 20er Jahre entdeckt haben, zeigen wir Kinderspielzeug der 20er Jahre.

Was soll man sich vorstellen unter dem Kinderspielzeug der 20er Jahre? Gibt es auch beim Spielzeug die "Goldenen 20er Jahre"?

Was haben Eltern in den Jahren zwischen 1923, in denen Kinder mit Geldbündeln auf der Straße spielten und der Weltwirtschaftskrise 1929, als eine noch viel breitere Bevölkerungsschicht Ihre Existenzgrundlage verlor, Ihren Kinder geschenkt, um Sie aufs Leben vorzubereiten?

Gezeigt wird ein Puppenhaus mit seiner orginalen Inneneinrichtung der Zeit und dann folgen Sie uns zu Kindernähmaschine und Kindergrammophon! Sie werden staunen.

 

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Kinderspielzeug der 20er Jahre

Wir stehen vor einem Puppenhaus der Firma Heymann aus den 20er Jahren. Es ist von zwei Seiten bespielbar und kann mit zwei Frontelementen, die im unteren Teil der Vitrine zu sehen sind, verschlossen werden.
Die Einrichtung ist von der Firma Schneegas ebenfalls in den 20er Jahren hergestellt worden und passt in Größe und Stil perfekt. Das Haus ist in Form und Einrichtung ein Bespiel für gutsituiertes bürgerliches Wohnen der Zeit.
Im Esszimmer befindet sich an der Wand hängend der Sinnspruch „Von morgen ab wird gespart“ – Vor dem Hintergrund zweier tiefgreifender Wirtschaftskrisen, eher ein Aufruf, die Dinge nicht ganz so schwer zu nehmen. Warum soll man sparen, wenn die Ersparnisse im nächsten Moment nichts mehr wert sind?
Wir haben den Sinnspruch zum Titel unserer Ausstellung gemacht, weil er nicht nur wunderbar in Zeit und Haus passt, er bringt auch die Probleme der Spielzeughersteller dieser Zeit zum Ausdruck. Viele alteingesessene Produzenten überlebten wirtschaftlich die Hyperinflation von 1923 nicht. Überkommene Strukturen zerbrachen, aber es wurde auch neu gegründet, Neues erdacht und immer waren die Zeiten „Modern“ und auf „Fortschritt“ ausgerichtet.
Im ersten Zimmer, dem Esszimmer der Familie mit Sinnspruch, sehen wir einen Papageien auf einer Stange sitzen. Der Papagei ist das Maskottchen und Werbeträger der Firma Bleyle, wie die davorstehende Postkarte zeigt. Bleyle fertigte Bekleidung und Trikotagen an. Ein Produkt, was noch ziemlich neu war, weil man vorher seine Bekleidung vom Schneider fertigen lies oder selbst nähte. Legendär ist der Knabenanzug oder Matrosenanzug, deren Verpackungen Sie in der Tischvitrine sehen können. Den Vertrieb Ihrer Produkte unterstützte die Firma durch aufwändige Kartonagen und geschickte Werbung in Form von Bilderbücher, Spielen und Werbeanzeigen.
Auf dem Tisch des Esszimmers steht ein Detektorradio noch mit Kopfhörern, die in dieser Zeit verbreitet waren. Die Kopfhörer waren alternativ zum Trichterlautsprecher in Gebrauch. Das Radio ist ein neues Medium dieser Zeit. In Anschauungsbüchern und Experimentierkästen der Zeit wurde den Kindern erklärt, wie es funktionierte und welche Möglichkeiten es bot.
So schließt das Vorwort der „Wanderungen im Radioreich“: Und wenn wir schließlich selber die Elektronengeister rufen, wird der Befehl, dem sie gehorchen, nicht wie bei Aladdin das Geschenk eines Zufalls, sondern der Ertrag unserer Arbeit sein. Denn heute kennen wir einen Zauberspruch, der ohne Wunderlampe funktioniert und alles zwingt: Wissen ist Macht!

 

Rechts neben dem Esszimmer befindet sich die Küche. Es ist es noch eine Küche im traditionellen Stil. Die Elektrizität löste gerade das Gaslicht ab. 1927 war etwa die Hälfte der Berliner Haushalte elektrifiziert. In der Küche legte man Wert auf Effizienz, die Hausfrau hatte Personal. Ihre Rolle war es, die elegante Repräsentantin des Hauses zu sein.
Wenn wir nun auf die andere Seite des Hauses treten, stehen wir vor dem Wohnzimmer der Familie. Die eleganten Clubsessel stehen für den Stil der „neuen Zeit“, der Bücherschrank weist auf die Bildung der Familie hin und der Schreibtisch ist Ausdruck dessen, dass man sein Geld im Büro verdient.
Das Grammophon ist das Zentrum familiärer Gemütlichkeit. Und nicht nur für die Großen wurde die reproduzierbare Musik zum Massenartikel, auch für Kinder wurden Grammophone von der Firma Bing hergestellt und in ganz Europa vertrieben. Sehen Sie dazu die Jugendsprechmaschinen mit den 15-cm-Schellackplatten.
Im Flur des Hauses steht die Nähmaschine, im Wohnzimmer der Korb mit dem Strickzeug. Auch für diese Mädchengeneration war das Erlernen von Handarbeitstechniken wichtiger Teil Ihrer Vorbereitung auf die spätere Rolle als Hausfrau. So findet sich in der linken Vitrine eine große Auswahl von Handarbeitskästen und Utensilien zum Lernen und Üben. So sehen wir die legendäre Singer-Kindernähmaschine, die ab 1929 in Wittenberg hergestellt wurde. Die Firma brachte dabei sehr markenbewusst stets Ihr Emblem in Stellung, denn den erwachsen gewordenen Mädchen sollte „Singer“ ein Begriff sein.
Rechts daneben ist die Vitrine den neuen „elektrischen“ Zeiten gewidmet: „Trust“ ist ein Vorläufer des Monopoly Spiels und es wird um Häuser, Industrien und Bahnanlagen gespielt. Das „Elektra“ Spiel lässt eine kleine Glühbirne aufleuchten und der Elex Metallbaukasten, hier in der seltenen Ausführung mit zwei Telefonhörern, war der erste Baukasten der Firma Märklin, der sich mit den Möglichkeiten der Elektrizität beschäftigte.
In der dritten Vitrine sehen wir Zelluloidpuppen und anderes Spielzeug aus Zelluloid. Dieses Material steht ebenfalls für die 20er Jahre. Zwar ist es schon vor der Jahrhundertwende erfunden worden, ersetzte zuerst kostbare Materialien wie Elfenbein, fand aber in der Ausformung der 20er Jahre einen unerreichten Höhepunkt.
Die Nutztiere der Firma Petit Colin, bestehen aus hauchdünnem Material und wackeln bei Berührung mit dem Kopf.
Darunter sind Puppenkinder der Firma Kämmer und Reinhardt, die sogenannte 700er Serie, zu sehen. Die Gliedmaßen sind detailgetreu modelliert, die Gesichter fein von Hand bemalt. Die deutsche Spielzeugindustrie war auf den Weltmarkt ausgerichtet, weniger als 50 % der Produktion wurden im Inland abgesetzt. So ist auch zu verstehen, dass die Firmen einander kopierten: Das rosa gekleidete, sitzende Paar im Vordergrund von der Firma Bruno Schmidt zeigt die unübersehbare Ähnlichkeit der Modelle.
In der Etage darunter sehen wir eine der bekanntesten Comicfiguren der 20er Jahre, sie kam aus Großbritannien und war ein Pitbull-Terrier mit Namen Bonzo, gezeichnet von George E. Studdy erlangte Bonzo durch eine Trickfilmserie und später als Werbestar für Radiogeräte Weltruhm.

 

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